Programmieren als interkulturelles Erlebnis

Wie ein Robotik-Projekt deutsche und türkische Schüler*innen ins Gespräch bringt.  

Oliver spricht kein Türkisch, Mesut kein Deutsch. Trotzdem sitzen die beiden Siebtklässler einträchtig vor einem gemeinsamen Rechner im IT-Labor des Otto-Hahn-Gymnasiums in Monheim und programmieren. In wenigen Stunden soll ihr Roboter kleine Bälle über einen Parcours in der Mitte des Raums ins richtige farbige Feld transportieren. Wie die sich die beiden verständigen? „Das klappt eigentlich wunderbar über die Programmiersprache“, erzählt Oliver, „nur manchmal nutzen wir Englisch zwischendurch.“ Basis für die Zusammenarbeit der beiden ist Education Classroom, eine vor allem auf visuelle Elemente setzende Anwendung, mit der sich Lego-Roboter programmieren lassen. „Wir schauen einfach, welche Probleme wir als nächstes lösen müssen“, erklärt Oliver. „Welchen Teil dann wer von uns übernimmt, ergibt sich beim Blick auf den Bildschirm quasi von selbst.“

Wettbewerbe als zusätzliche Motivation

Ziemlich exakt so haben sich Jaouad El Jerroudi, Physik-, Mathematik- und Informatiklehrer am Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) und Demek Gök, Informatiklehrerin an der Emlak Konut Ortaokulu (EKO) in Ataşehir den Austausch zwischen ihren Schüler*innen vorgestellt. „Wir haben schon vermutet, dass die Robotik sich wunderbar als Brücke zur Verständigung eignet“, erzählt Gök. „Unsere Schulen kooperieren schon länger, an beiden hat das Thema einen hohen Stellenwert, wir arbeiten mit den gleichen Geräten und ähnlichen Programmen. Da lag es nahe, die Jugendlichen über das gemeinsame Interesse am Programmieren für das interkulturelle Miteinander zu begeistern.“ Zunächst über virtuelle Zusammenarbeit, dann bei jeweils einwöchigen Aufenthalten vor Ort an der Partnerschule, lernen 16 türkische sowie 20 deutsche Schüler*innen der 7. und 8. Klassen, wie man in binationalen Teams zu gemeinsamen Lösungen kommt. Um den Zusammenhalt und die Motivation zu stärken, nehmen die Mannschaften auch zusammen an schulinternen Wettbewerben und der World Robot Olympiad teil, einem internationalen Robotik-Wettkampf für Kinder und Jugendliche zwischen acht und 19 Jahren.   

Erstmals mit Erasmus+-Fördermitteln finanziert

Möglich gemacht hat das Projekt die große Projektförderung der Jugendbrücke. „Es ist eines der ersten physischen Schulprojekte, das wir seit Beginn der Corona-Pandemie unterstützen“, so Alina Karadeniz, Projektmanagerin der Jugendbrücke. „Deshalb freuen wir uns ganz besonders, dass die Begegnung stattfinden konnte.“ Erstmals kommen dabei außerdem Mittel aus dem Programm Erasmus+ Schule zum Einsatz, das Fördermittel für Projekte rund um die Themenschwerpunkte Inklusion und Vielfalt, ökologische Nachhaltigkeit und, wie in diesem Fall, digitale Bildung vergibt. Bei diesem Thema, so El Jerroudi, gibt es vor allem in Deutschland Nachholbedarf: „Wir sind eine Europaschule. Insofern bekommen wir durchaus mit, dass Länder wie Israel oder die Türkei einen Vorsprung beim Robotik-Unterricht haben. Dort ist das vielfach ein ganz normales Schulfach mit mindestens drei Stunden pro Woche, für das die Schüler*innen auch Noten bekommen.“ Am Otto-Hahn-Gymnasium bieten El Jerroudi und seine Kolleg*innen Robotik seit etwa zehn Jahren immerhin als Arbeitsgemeinschaft von der 7. bis zur 9. Klasse an – auch das ist an deutschen Gymnasien nicht selbstverständlich.

„Gemeinsam Gedichte zu schreiben wäre schwieriger“

„Wenn man die türkischen Schüler*innen fragt, können sie bei fast allem weiterhelfen“, meint Kain anerkennend, OHG-Schülerin der 7.  Klasse. Mitschüler Finn findet es super, „mal mit jemandem zu arbeiten, der sich schon besser auskennt – so gut wie mein Teampartner hier könnte ich das nie.“ Turhan, Siebtklässler an der Emlak Konut Ortaokulu, nimmt das Lob gelassen: „Ich bin einfach ein großer Robotik-Fan – und es macht mir viel Spaß, mein Wissen mit Menschen zu teilen, die ich noch nicht so gut kenne.“ Hakt es bei der Verständigung doch einmal, übernehmen türkisch sprechende Monheimer Schüler*innen oder El Jerroudis Kollegin Nurcan Stein das Dolmetschen. Nötig ist das aber nur selten, wie El Jerroudis beobachtet hat: „Eigentlich geht es die ganze Zeit um Motorik und Sensoren. Den Fachwortschatz haben die Teams in zehn Minuten gelernt, alles andere ergibt sich von selbst. Gemeinsam Gedichte zu schreiben wäre wahrscheinlich schwieriger.“

Erst bauen, dann programmieren – oder umgekehrt

Dem Aufenthalt der türkischen Schüler*innen und ihrer Lehrkräfte im Mai 2022 in Monheim soll, sofern es die Pandemie zulässt, Ende August der Gegenbesuch in Ataşehir folgen. Kain hätte große Lust mitzufahren, wenn ihre Eltern es erlauben, Oliver ebenso. „Ich fände es toll, eine andere Kultur, ein anderes Land kennenzulernen“, sagt er. Zumal ihm aufgefallen sei, dass die Jugendlichen aus der Türkei manche Themen ganz anders angehen als seine deutschen Mitschüler*innen und er. „Die schauen sich die Aufgabe an und überlegen sofort, wie sie das programmieren müssen. Wir dagegen bauen zuerst den Roboter und steigen danach ins Programmieren ein. Solche unterschiedlichen Perspektiven finde ich total interessant. Wenn wir im August weiter zusammenarbeiten können, lernen wir bestimmt richtig viel voneinander.“        

Mit Unterstützung der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke gGmbH, kofinanziert von der Europäischen Union. Die Verantwortung für den Inhalt trägt allein die Verfasserin/der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.