İMECE.LAB – Die deutsch-türkische Konferenz zum Jugend- und Fach-kräfteaustausch

İmece ist ein türkischer Begriff, der Zusammenarbeit und Schaffung von etwas Gemeinsamen in Dorfgemeinschaften beschreibt. An diese Tradition anknüpfend kommen in Imece.Labs Fachkräfte der Jugendarbeit aus Deutschland und der Türkei zusammen und entwickeln gemeinsam Maßnahmen zur Unterstützung des deutsch-türkischen Jugendaustauschs.

İMECE.Labs werden alle zwei Jahre von der Türkiye Ulusal Ajansı und JUGEND für Europa (Nationale Agenturen der EU-Jugendprogramme Erasmus+ und Europäisches Solidaritätskorps), IJAB und der Jugendbrücke organisiert. Sie finden abwechseln in der Türkei und Deutschland statt.

Das letzte İMECE.Lab fand am 8. Dezember 2020 aufgrund der Covid-19 Pandemie digital statt und brachte neben Jugendarbeiter*innen auch junge Menschen und Vertreter*innen öffentlicher Institutionen beider Länder zusammen.

IMECE.Lab 2020: Verbindung trotz Entfernung

Dieses Jahr ist alles anders: Auch die Konferenz zum deutsch-türkischen Jugend- und Fachkräfteaustausch findet 2020 zum ersten Mal unter dem Titel „IMECE.Lab“ online statt. Die Akteur*innen aus der Jugendarbeit zwischen Deutschland und der Türkei schalten sich daher von den unterschiedlichsten Orten zu – ob aus Köln, Berlin, Istanbul oder Mardin. Das Wiedersehen ist trotz des digitalen Raumes herzlich: Von Kachel zu Kachel wird sich fröhlich zugewunken, im Chat werden direkt die ersten Grüße verschickt.

In der Begrüßung von Ibrahim Demirel von der türkischen Nationalagentur bleiben die neuen Umstände nicht unerwähnt: Es sei schade, sich nicht wie geplant physisch in Istanbul begegnen zu können, sagt er. Aber das Event solle ein Vorgeschmack auf ein kommendes Treffen am Bosporus 2021 sein. „Trotz der Entfernung soll es hier einen Platz zum Kennenlernen und Planen neuer Projekte geben. Wir möchten Impulse und Kontakte zur Verfügung stellen, bis wir wieder in echt zusammenkommen können“, führt Moderator Jochen Butt-Pośnik in die Veranstaltung ein. Für Diskussionen und nachhaltige Vernetzung gibt es in diesem Jahr eine eigene Website, auf der die Teilnehmenden wichtige Informationen, Kontaktdetails und Impressionen der Konferenz auf einen Blick bekommen. Teilnehmerin Hatice Sağlam ist begeistert von der Website: „Ich bin hierhergekommen, um Netzwerke und Partnerschaften zu bilden und Ideen für die Arbeit mit meinen Schülern zu entwickeln – dafür ist diese Plattform sehr praktisch!“

Trotz Abstand persönlich werden

Nachdem das Programm, die technischen Tools sowie die Gastgeber*innen kurz vorgestellt wurden, geht es ans gegenseitige Kennenlernen. Hierfür müssen die Teilnehmer*innen aktiv werden, denn gesucht ist ein individueller Gegenstand, der für sie symbolisch für den deutsch-türkischen Austausch steht. Über die Gegenstände lernen sich die Teilnehmenden direkt auf sehr persönliche Art und Weise kennen. Melih Özkardeş, der sich aus Maastricht zugeschaltet hat, zeigt sein altes Tagebuch, in dem er seine Erinnerung vom ersten Ankommen in Deutschland als 18-Jähriger niedergeschrieben hat. Tillie Kluthe aus Berlin, die derzeit in Mardin lebt, erzählt die Geschichte zu ihrem Brillenetui: Ein Geschenk ihrer ersten türkischsprachigen Tandempartnerin, mit der sie seit 15 Jahren befreundet ist. Und Levent Arslan nimmt einen kleinen Miniaturbus als Symbol für seine zahlreichen Reisen zwischen Deutschland und der Türkei. Aber auch der fachliche Aspekt kommt nicht zu kurz, da bereits erste Gespräche über Projekte und Vereine im deutsch-türkischen Kontext entstehen.

Lokales und Globales verknüpfen

Neben der persönlichen Perspektiven auf die deutsch-türkische Jugendarbeit gibt es beim IMECE.Lab auch Einordnungen von Expert*innen. Annegret Warth vom Stuttgarter Referat für Jugend und Bildung und Özgehan Şenyuva von der Middle Eastern Technical University geben sich einem unterhaltsamen Spiel namens „Pecha Kucha“ hin. Unter dem Überthema „German-Turkish Youth Work in 2020 and beyond – Is the coronavirus an opportunity to reshape and rethink?“ kommentieren die beiden Akademiker*innen in rasendem Tempo die unterschiedlichsten Bilder – von Fridays for Future, über Masken bis hin zum Strandpanorama. Özgehan Şenyuva macht sich dafür stark, neue Formen der Begegnung zu finden: „Im digitalen Raum haben wir häufig versucht, einfach das nachzuahmen, was wir sonst gemacht habe. Aber so einfach ist es nicht: Wir müssen bekannte Dinge verlernen, um neue Wege zu finden.“ Und auch Annegret Warth sieht die Krise als Chance für die Entwicklung neuer Strukturen: „Wir dürfen nicht nur fragen, was wir verloren haben, sondern müssen auch darauf schauen, was neu entstanden ist. Junge Menschen sind beispielsweise derzeit auf lokaler Ebene sehr engagiert. Das kann auch ein Ansatz für den internationalen Austausch sein, das lokale mit dem globalen Level zu verknüpfen.“

Erfolgreiche Beispielprojekte kennenlernen und Lösungsansätze teilen

Lösungsorientiert sind auch die sechs deutsch-türkischen Projekte, die anschließend in Workshops vorgestellt werden. Ob gemeinsamer Filmdreh, Body-Percussion, Fotoausstellung oder Anti-Diskriminierungsworkshops – all das wurde in diesem Jahr auch online möglich gemacht. In Kleingruppen lernen die Teilnehmenden unterschiedliche Formate kennen und diskutieren gemeinsam Herausforderungen und Chancen. „Normalerweise ist in einer Austauschgruppe direkt Energie, vor dem Computer muss man die erst schaffen. Da ist es schon manchmal schwierig, die Verbindung zu allen Teilnehmenden aufrecht zu halten“, erzählt Anja Langer von der Kultur & Art Initiative. Yassin Eminoğlu vom Videoprojekt „Get your own picture“ ermutigt seine Workshopgruppe trotzdem, Onlineformate auszuprobieren: „Auch in Zeiten der physischen Entfernung konnten wir so Verbindungen zwischen Jugendlichen herstellen. Und häufig waren die Jugendlichen selbst super kreativ darin, Lösungen für die Herausforderungen des Onlineaustauschs zu finden.“

Partner*innen finden und Pläne schmieden

Nach intensivem Austausch wird es Zeit für eine Kaffeepause. Neben der heimischen Küche gibt es hierfür die Plattform „wonder.me“, auf der auch online ein Kaffeeplausch möglich ist. Und sollten in der Kaffeepause schon neue Projektpartner*innen oder Ideen gefunden worden sein, versorgen die Veranstalter*innen des IMECE.Labs die Gruppe anschließend mit Informationen zu den Förderprogrammen ihrer jeweiligen Organisationen.

Mit vielen neu aufgezeigten Möglichkeiten, Kontakten und Impulsen für die Zukunft kommen die Teilnehmenden bald darauf noch ein letztes Mal im virtuellen Konferenzraum zusammen und bestaunen die Graphic Recordings, in denen Coline Robin die Veranstaltung in all ihren Facetten festgehalten hat. „Mir hat hier besonders die offene Atmosphäre gefallen“, resümiert Teilnehmerin Beybin Elvin Tunç. „Selbst wenn man einige Menschen noch nicht kannte, kam man an irgendeinem Punkt mit ihnen und ihren Projekten in Berührung. Und mit jedem dieser Treffen, habe ich das Gefühl, mehr und mehr Teil einer Familie zu werden.“

Am Abend wartet mit einem Kochkurs ein weiteres Highlight auf die Teilnehmenden. Drei Auszubildende der Mehmet Zeki Balcı Vocational High-School und des Rixos Down Town Hotel Antalya zeigen mit professioneller Videobegleitung wie man die türkische Speise „İmam bayıldı“ zubereitet. Jede*r in seiner eigenen Küche und doch gemeinsam schnippeln die Teilnehmenden fleißig Zwiebeln, Tomaten und Co. und tauschen sich über deutsche und türkische Küche und die berühmte Geschichte hinter „İmam bayıldı“ aus. Mit der fertig zubereiteten gefüllten Aubergine auf dem Tisch ist dieses Event im wahrsten Sinne des Wortes ein vielversprechender Vorgeschmack auf das Folgeevent in Istanbul.

Mehr Informationen finden Sie auf der Projekthomepage von IMECE.LAB 2020.