Wassermelonen und Labskaus – Digitale Zukunftswerkstatt zwischen Diyarbakır und Bremen

In einem Jahr voller Herausforderungen müssen auch Austauschprojekte anders aussehen  – das war für die Projektbeteiligten der „Zukunftswerkstatt“ von Anfang an klar. Zwischen Bremen und Diyarbakır entstand so ein neues Projekt, das die Begegnung unter den Jugendlichen in den digitalen Raum verlegte und alle Beteiligten dazu motivierte, sich auf Neues einzulassen.

Zukunft digital gestalten

Die Bremer Projektleiterin Cemile Tolan, Projektbetreuerin Lina Schnabel und der Projektleiter Özgür Akkaya aus Diyarbakır wollten an der Tradition des gemeinsamen Austauschs festhalten und beschlossen ein digitales Projekt. Den Fokus legten sie hierbei auf die Erstellung von Videos, die als Kommunikationsmedium eingesetzt werden und den Erwerb von digitalen Skills, auf die die Jugendlichen auch zukünftig zurückgreifen können. Jeweils eine Gruppe fand sich in Bremen und in Diyarbakır zusammen: In Bremen waren es vornehmlich Jugendliche, die Sozialarbeiterin Lina Schnabel aus dem Stadtteil Osterholz kannte; in Diyarbakır vor allem Teilnehmende, die über Theater-Workshops oder die Förderschule, in der Özgür Akkaya als Lehrer arbeitet, adressiert wurden. „Außerschulische Bildung gibt es in unserer Gegend nicht viel, schon gar nicht während der Corona-Pandemie“, erzählt Akkaya. „Die Jugendlichen sind hier bereits aufgrund unserer geografischen Lage im Osten der Türkei benachteiligt; diejenigen mit Beeinträchtigungen noch einmal doppelt. Für sie gibt es so gut wie keine Angebote, deswegen möchte ich insbesondere sie unterstützen.“ So begann er in seinem Umfeld für das Projekt zu werben und hatte Erfolg.

Barrieren überwinden und eigene Anliegen visualisieren

Ayşenur, eine zehnjährige Schülerin mit Autismus, wollte sich so gerne am Projekt beteiligen, dass das ursprünglich geplante Mindestalter der Teilnehmendenvon 13 Jahren ihr zugunsten gesenkt wurde. Auch auf den Schulbusfahrer, der sie und andere Kinder täglich zur Schule bringt und abholt, machte Ayşenur mit ihrer Begeisterung Eindruck. „Er sprach mich kurze Zeit später an und fragte, ob sein Sohn vielleicht auch bei dem Projekt mitmachen könne. Er sei sehr schüchtern und könne vielleicht etwas lernen”, erzählt Akkaya von seiner Begegnung mit dem Busfahrer. Gesagt, getan: Der Sohn des Busfahrers nahm ebenfalls am Projekt teil. Anfangs habe er kaum vor der Gruppe sprechen können und wollte seine Ideen immer nur einzeln dem Projektleiter mitteilen. Kennenlernspiele, Teambuildingmaßnahmen und eine vertrauliche, unterstützende Atmosphäre hätten dem Jugendlichen geholfen, seine Schüchternheit zu überwinden. Inzwischen könne er gut mit den anderen Teilnehmenden kommunizieren, übernehme die Initiative und sogar vor der Kamera zu sprechen sei kein Hemmnis mehr für ihn, so Akkaya. Der 18-jährige İsmail, ein weiterer Teilnehmer, fand über seinen Theaterlehrer zur „Zukunftswerkstatt“. „Es war das erste Mal, dass ich von so einem internationalen Austauschprojekt in unserer Stadt gehört habe. Ich habe mich schon immer für andere Kulturen interessiert, deswegen wollte ich sofort mitmachen“, erzählt er voller Begeisterung. Für die Bremer Projektbetreuerin Lina Schnabel standen die Beteiligung der Jugendlichen, Inklusion, digitale Ansätze und die spontane Anpassung an die jeweils geltenden Corona-Maßnahmen im Zentrum des Projekts. „Wir wollten das Projekt so partizipativ wie möglich gestalten. Dazu haben wir erst einmal viel offen gelassen und die Jugendlichen überlegen lassen, woran sie mit uns arbeiten wollen“, berichtet sie. Die Jugendlichen hätten dann Themen gewählt und sich mit diesen filmisch auseinandergesetzt. Bei der Bremer Gruppe, die sich wöchentlich traf, entstand dabei ein Video zum Thema Corona. Hier zeigen die Jugendlichen auf, was die Pandemie für ihre eigenen Lebensrealitäten bedeutet, was sich für sie verändert hat, wie die jetzt überall erforderliche Distanz erlebt wird und dass die Einhaltung der Hygiene-Regeln inzwischen ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden ist. Dass direkte Kontakte fehlen, ist für sie besonders bedeutsam – kein gemeinsames Feiern mehr, öfter Hände waschen, auf Abstände achten. Die Gruppe in Diyarbakır befasste sich in ihrem ersten Video mit dem Stichwort Kultur. „Das war für die Gruppe die erste Gelegenheit, im Rahmen unserer Austauschprojekte auch mal ihr Zuhause zu zeigen. Das konnten sie vorher noch nie, weil wir leider bislang noch keinen Austausch in Diyarbakır durchführen konnten“, erläutert Lina Schnabel. Auch die Teilnehmenden entwickelten einen neuen Blick auf ihre eigene Stadt. „Für mich war interessant, erst einmal selbst zu überlegen, was eigentlich alles zu unserer Kultur gehört“, reflektiert İsmail. An einem historischen Ort wie Diyarbakır seien das selbstverständlich geschichtliche Aspekte der Stadt. Ebenso gehöre aber auch die Kulinarik dazu – gefüllte Lammrippchen, besondere Kebabsorten und die riesigen Wassermelonen, für die Diyarbakır in der ganzen Türkei bekannt ist.

Teamarbeit und neue Tools stehen im Mittelpunkt

Für viele der Jugendlichen sowohl in Deutschland als auch der Türkei bot die „Zukunftswerkstatt“ erste Berührungspunkte mit verschiedenen technischen Fragen. Videos planen, Themen in Szene setzen, drehen, schneiden – alle konnten daran gemeinsam lernen und sich neue Zugänge zur digitalen Welt erobern. Alle sollten dabei die Aufgaben übernehmen, für die sie sich interessierten und mit denen sie sich wohlfühlten. Wer vor die Kamera wollte, sollte vor die Kamera; wer lieber hinter hinter den Kulissen bleiben wollte, sollte auch das tun dürfen. İsmail, der sich gerade auf seine Aufnahmeprüfung am Konservatorium vorbereitet, wurde zum Verantwortlichen für das Padlet des Projekts gewählt. Indem er die gemeinsame digitale Pinnwand beider „Zukunftswerkstatt“-Standorte managte, lernte er den Umgang mit dem Programm quasi on the job.

Auch die unterschiedlichen Sprachen im Projekt trugen zu Lernprozessen bei Teilnehmenden und Betreuenden bei. „Als mir die Jugendlichen erzählten, dass sie ihr Video mit deutschen Untertiteln versehen wollen, habe ich sie motiviert, das anzugehen, innerlich aber schon gedacht, dass das echt schwierig wird“, gesteht Özgür Akkaya. Fast ganz in Eigenregie hätten sie sich des Themas dann angenommen. Mit vereinten Kräften und der Unterstützung von Lehrer*innen und Bekannten, die ein bisschen Deutsch sprechen, hätten die Projektteilnehmer*innen die Untertitel vorbereitet, übersetzt und in ihr Video eingefügt, um sicherzugehen, dass ihr Gegenpart in Bremen das Video auch verstehen würde.

Interaktion durch das Produzieren eigener Videos

Die fertigen Kurzfilme tauschten die Gruppen anschließend untereinander aus und schauten sich die Videos der jeweils anderen Gruppe an – nur ein Zwischenschritt des Projekts. In einer zweiten Runde erstellten beide Gruppen nun jeweils Reaktionsvideos zum ursprünglichen Thema der anderen Gruppe. Die Teilnehmendenin Diyarbakır zeigten dabei, welche Vorher-Nachher-Unterschiede sich in ihrem Leben durch die Pandemie ergeben hatten: Jedes Niesen ruft jetzt entsetzte Blicke hervor und Freunde zur Begrüßung umarmen geht plötzlich gar nicht mehr. Die jungen Bremer*innen führten durch ihre Innenstadt und ihre Kulturbegriffe, unter denen “Vielfalt” und “Essen” häufiger genannt werden. Denn selbstverständlich durfte auch in Sachen Spezialitäten der Austauschgedanke nicht fehlen: Was in Diyarbakır die Wassermelone, ist in Bremen das Labskaus – ein norddeutscher Klassiker aus Rindfleisch, Kartoffeln und Fisch.

Die Jugendlichen sahen sich gegenseitig in den Videos das erste Mal und lernten sich dann über gemeinsame Zoom-Meetings kennen. Viele  kamen dabei erstmals mit dem Meeting-Tool in Berührung und erkundeten auf diese Weise gemeinsam den digitalen Alltag in der Corona-Pandemie. „Es ist uns gelungen, aus den beiden Gruppen, die sich vorher zusammengefunden hatten, ein gemeinsames Team zu machen“, resümiert Özgür Akkaya. Und auch die Bremer Projektbetreuerin Lina Schnabel sagt: „Am Anfang waren die Jugendlichen noch ein bisschen reserviert, nach den ersten Filmen aber ganz hibbelig und super neugierig auf die andere Gruppe“. Wie das Leben im jeweils anderen Land so ist, beschäftige die Jugendlichen enorm, so die Projektverantwortlichen. „Dass sich die jungen Leute am Ende eines Projekts für internationale Themen und andere Sprachen interessieren, vielleicht dann auch mal über einen europäischen Freiwilligendienst oder ähnliches nachdenken, ist immer unser Ziel“, erklärt Sozialarbeiterin Lina Schnabel. Beide Gruppen stehen nach wie vor im Kontakt miteinander, während im nächsten und letzten Schritt des Projekts alle vier entstandenen Videos zu einem gemeinsamen Film verbunden werden. Jeweils einzelne Jugendliche beider Gruppen sprechen die jeweilige Sprache des anderen Landes, was die Kommunikation erleichtert – trotz der sprachlichen Hürden, die das Projekt begleiteten: Gemeinsame Treffen beider Gruppen wurden in der Regel von Deutsch nach Türkisch und Kurdisch und vice versa übersetzt. Das sei nicht immer einfach gewesen, sagt Özgür Akkaya, fügt aber an: „Wir haben darin ja schon Erfahrung gehabt, die hat uns sehr genützt“.

Wünsche für die Zukunft

Den Jugendlichen hat ihre Teilnahme am Projekt in interkultureller Hinsicht Türen geöffnet und manche ganz individuell beeinflusst. Sie haben gegenseitige Vorurteile abgebaut und sind sich neugierig und mit der Bereitschaft zu lernen begegnet. Eine seiner Teilnehmerinnen konnte Özgür Akkaya im Rahmen des Projekts überzeugen, wieder zur Schule zu gehen und İsmail würde an einer solchen internationalen Begegnung jederzeit wieder teilnehmen. „Ich hoffe, dass sich auch während meines Musikstudiums Möglichkeiten für den länderübergreifenden Austausch ergeben“, sagt er. Sowohl die Projektbetreuenden als auch ihre Teilnehmenden in beiden Ländern hegen für 2021 vor allem eine große Hoffnung: Sich in einer künftigen Begegnung dann endlich auch „in echt“ treffen und gemeinsam an neuen Ideen arbeiten zu können. Diyarbakır ist neugierig auf das Labskaus und Bremen würde zu gern die rekordverdächtig großen Wassermelonen sehen.

Das Projekt ist Teil der Projektreihe „Exploring New Spaces – Widened Perspectives for German-Turkish Youth Exchange“ der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke.
Die Projektreihe wurde aus Mitteln des Auswärtigen Amtes finanziert.

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